Hausmittel für einen besseren Schlaf gibt es viele. Besonders angesagt ist gerade ein alkoholfreier Drink aus Sauerkirschsaft, Magnesiumpulver und wahlweise Limo oder Mineralwasser. Was hinter dem Hype um den «Sleepy Girl Mocktail» steckt. Kann so ein Mocktail wirken?
«Das ist in dem Fall nicht so einfach zu beurteilen», erklärt uns eine Ernährungswissenschaftlerin. «Man weiss nicht, wie viel und welcher Saft und wie viel Magnesium jeweils konkret verwendet wurden.» Auf den ersten Blick könnten die Bestandteile jedoch durchaus sinnvoll sein, meint sie. Der Körper brauche Magnesium, um aus der Aminosäure Tryptophan das Hormon Melatonin zu bilden, das für den Schlaf-Wach-Rhythmus zuständig sei. Der Sauerkirschsaft enthalte wiederum sekundäre Pflanzenstoffe, die den Tryptophan-Abbau im Körper hemmen könnten, sodass mehr dieses Ausgangsstoffs für die Melatoninbildung zur Verfügung stehe.
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Nahrungsergänzungsmittel oft sehr hochkonzentriert
Der Ernährungsmediziner Hans Hauner ist trotzdem skeptisch. «Die Datenlage dazu ist sehr dünn. Das sind meistens kleine Studien mit einer ausgewählten Gruppe von Testpersonen.»
Vor allem zweifelt er daran, dass es sinnvoll ist, Magnesium zusätzlich einzunehmen. «Wir haben mit einer Durchschnittskost eigentlich keinen Magnesiummangel. Kein Mensch braucht das als Supplement, wenn er sich normal ernährt.»
Ausserdem könne der Körper Magnesium besser in kleineren Mengen über den Tag verteilt aufnehmen als einmal in einer höheren Dosis, ergänzt Hardt. Nahrungsergänzungsmittel seien oft sehr hochkonzentriert und überschritten die vom Bundesinstitut für Risikobewertung empfohlene Tageshöchstmenge von 250 Milligramm. «Das kann zu Magen-Darm-Beschwerden, vor allem Durchfällen, führen – was die Nachtruhe erheblich stören kann.»
Saft gibt es hierzulande gar nicht im Supermarkt
Ähnlich könnte sich der Sauerkirschsaft bei Menschen auswirken, die empfindlich auf Säure reagieren, so Hauner. Die sekundären Pflanzenstoffe, die den Schlaf fördern sollen, seien dagegen nur in Mikrogrammmengen enthalten. «Die Konzentration ist so gering, dass eine Wirkung nicht plausibel ist.»
Zumal der Gehalt an sekundären Pflanzenstoffen von Sauerkirschsaft zu Sauerkirschsaft sehr stark schwanken kann. Studien zu dessen schlaffördernder Wirkung verwendeten meist Saft der Montmorency-Sauerkirsche, einer speziellen Sorte, die besonders viele sekundäre Pflanzenstoffe und Melatonin enthalte, erläutert sie. Diese werde aber hauptsächlich in den USA und Kanada angebaut. Deshalb sei der Saft im Supermarkt hierzulande eher nicht erhältlich.
Allein das Ritual kann schon helfen
Der «Sleepy Girl Mocktail» hat nach Ansicht von Expertinnen und Experten keinerlei Wirkung – zumindest, wenn man nur die Inhaltsstoffe betrachtet. «Was wir bei Menschen mit Schlafstörungen in Studien feststellen ist, dass sie stark auf Placebos reagieren. Es könnte also sein, dass jemand eine Wirkung bei dem Drink spürt, wenn er fest daran glaubt».
Allein das Ritual, sich abends etwas Gutes zu tun und dabei zu entspannen, könne beim Einschlafen helfen. «So ein Getränk kann man selbst herstellen, die Bestandteile kosten nicht viel. Deshalb ist der «Sleepy Girl Mocktail» möglicherweise zwar wirkungslos, aber auch harmlos im Gegensatz zu vielen anderen Produkten, die mit einer angeblichen schlaffördernden Wirkung werben und für die Betroffene zum Teil viel Geld ausgeben.»
«Die meisten Menschen werden eher keinen Direktsaft trinken»
«Es ist durchaus etwas, was man bei Schlafproblemen ausprobieren kann», sagt dazu auch eine Ernährungswissenschaftlerin. Im Vergleich zu Schlaftabletten seien deutlich weniger Nebenwirkungen zu erwarten. «Der Mocktail ist allemal besser als ein Glas Wein, wenn man abends zur Ruhe kommen will, denn Alkohol stört den Schlaf erheblich.»
Einen Minuspunkt sehen die Expertinnen und Experten dennoch beim «Sleepy Girl Mocktail»: Die meisten Menschen werden eher keinen Direktsaft trinken, der sehr sauer schmeckt, sondern Sauerkirschnektar, der mitunter einen hohen Zuckerhalt aufweist. Abends sollte man aber auf zuckerhaltige Getränke und Speisen jedoch verzichten, weil der Körper über Nacht sonst Insulin ausschütte, was langfristig eine Gewichtszunahme begünstigen könne. Die Empfehlung deshalb: Besser einen Kräutertee trinken oder eine heisse Milch, der man auch entspannende, schlaffördernde Wirkung nachsagt. (SDA)