Darum gehts
- BCG-Studie zeigt: Elektroautos dominieren 2035 in Europa und China
- In den USA bleiben 80 Prozent der Neuwagen Verbrenner, die meisten davon reine Benziner
- China bleibt 2026 grösster Automarkt mit 26,6 Millionen verkauften PW
Was waren das für rosige Zeiten für Autobauer: Modelle wie VW Käfer und Golf oder der Toyota Corolla dominierten über Jahrzehnte hinweg die globalen Verkaufscharts. Als erstes «Weltauto» ging das Model T von Ford in die Geschichte ein, mit dem der US-Hersteller die Fliessbandarbeit einführte. Damit konnten die Kosten erheblich gesenkt werden und Ford ab dem Zeitpunkt des Produktionsbeginns 1908 bis zur Einstellung des ersten globalen Bestsellers 1927 über 15 Millionen Model T weltweit verkaufen. Ein Auto, ein Antrieb – eine Erfolgsstory.
Nicht nur punkto Software, sondern vor allem beim Antrieb ist die Welt spätestens seit dem Markteintritt Teslas mit dem ersten echten praxistauglichen E-Auto Model S 2013 deutlich komplexer geworden (aktuell dazu: Tesla verkauft mehr Autos als Mercedes). Die Autobranche reagierte nur langsam und es dauerte Jahre, bis Werke, Lieferketten und letztlich die Fahrzeuge bereit fürs Elektro-Zeitalter waren. Dass dann am Ende die Kundinnen und Kunden bei der Nachfrage unerwartet stark auf die Bremse traten (wozu auch Pandemie und Ukraine-Krieg ihr Übriges beitrugen) und sich die Verkaufszahlen der Stromer nicht so schnell wie erhofft entwickelten, zwang viele Hersteller dazu, ihre teils sehr ambitionierten Elektro-Pläne nochmals zu überdenken. Die Folge: Viele Autobauer wollen nun doch länger als ursprünglich geplant auf Verbrenner in ihren Portfolios setzen.
In welchen Weltregionen die Nachfrage nach Verbrennern auch in einigen Jahren noch gross sein dürfte und in welchen Märkten Elektroantriebe schon bald dominieren werden, dazu wagt die Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) in ihrem neuesten «Powertrain Forecast» interessante Prognosen. Für die Studie, die der Fachzeitschrift «Automobilwoche» schon vor der Veröffentlichung in den kommenden Wochen vorliegt, hat BCG die Planungen von 19 der 20 grössten Autobauer mit eigenen Einschätzungen zur Verteilung der Antriebsarten je nach Weltregion kombiniert.
Ohne E-Motor geht bei uns nichts mehr
Wichtigstes Ergebnis: Während 2035 in Europa und China mehr als 80 Prozent der Neuwagen reine E-Autos sein dürften, haben in den USA noch vier von fünf Autos einen Verbrenner an Bord – der grösste Teil davon reine Benziner oder Vollhybride. Zusammen mit Kanada und Mexiko bilden die USA mit 19,6 Millionen zugelassenen Neuwagen 2025 den zweitgrössten Automarkt der Welt.
Ganz anders die Situation in Europa – mit rund 15 Millionen Verkäufen 2025 der global drittgrösste Automarkt: Gemäss BCG-Prognose fallen in zehn Jahren 87 Prozent der Neuzulassungen auf reine Stromer. Dazu kommen je drei Prozent Plug-in-Hybride und reine Verbrenner sowie sieben Prozent Vollhybride. In China, mit 26,6 Millionen verkauften PW 2025 der mit Abstand grösste Automarkt der Welt, zeichnet die Vorhersage ein fast identisches Bild mit einem leicht höheren Anteil an Plug-in-Hybriden. Im Rest der Welt (ca. 28 Mio. Neuzulassungen 2025) sollen reine Stromer laut Prognose auf einen Anteil von 35 Prozent kommen.
Interessant sei laut Analyse der «Automobilwoche» die Tatsache, dass im Szenario für 2030 «nur» 42 Prozent reine E-Autos in den EU-Märkten prognostiziert werden, womit «etwa das Zwischenziel der Kommission, über Quoten in Unternehmensflotten schon deutlich höhere Elektrifizierungsraten zu erreichen, eher unrealistisch sein» dürfte.
Lokal statt global
Laut Albert Waas, Managing Director und Senior Partner bei BCG, gäbe es in Europa in den nächsten Jahren zwar «mehr oder weniger grosse Nischen, die immer noch einen Verbrenner bevorzugen», etwa die überzeugten Petrolheads oder Personen, die eine hohe Anhängelast über lange Strecken brauchen. Kurzfristig kann laut Waas deshalb der grosse SUV mit Verbrenner oder Hybrid, der auch ausserhalb Europas verkauft werden kann, noch Sinn ergeben. Langfristig schätzt der Experte die Lage gegenüber der «Automobilwoche» anders ein: «Das Konzept Weltauto kommt zu einem Ende.»
Die Gründe dafür lägen in Konsumenten-Anforderungen, der CO₂-Regulierung und anderen politischen Vorgaben wie Einfuhrzöllen oder regionaler Wertschöpfung. «Erfolgsmodelle der Zukunft werden stärker lokal entwickelte Fahrzeuge sein, die auch lokal produziert werden», so Waas. Die Entwicklung gehe daher klar weg vom Auto für den globalen Markt.