Bernerin Dominique Sellin (30) erhielt zum Geburtstag eine Schockdiagnose
«Ich lag im Spital und wollte mein Testament schreiben»

Unheilbar krank: Eine Horror-Diagnose hat Dominique Sellin (30) aus Bern aus ihrem Alltag gerissen. Heute erzählt die OP-Schwester offen über ihre Erkrankung und ihren Job. Ihre Beiträge auf Social Media: Inspirierend, lustig und manchmal auch eklig.
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OP-Schwester Dominique Sellin hat vor zweieinhalb Jahren eine Schockdiagnose erhalten.
Foto: Philippe Rossier

Darum gehts

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Dominique Sellin (30) ist auf Social Media die quirlige OP-Schwester, die Geheimnisse direkt aus dem Operationssaal ausplaudert. Eines der neueren Videos etwa: Was sich Menschen schon so alles in den Po geschoben haben. Die Liste: eklig. Sellin zählt auf: «Billardkugel, Kurzhantel, Spielzeugautos – macht Sinn, Einbahnstrasse.» Sie klärt auf. Lustig und respektvoll. Dafür wird sie von ihren Followern mit über 18'000 Likes gefeiert.

Dabei ist ihre Social-Media-Präsenz aus einem tragischen Schicksalsschlag heraus entstanden. Mit 27 erhält sie eine Diagnose, die ihr Leben auf den Kopf stellt.

Die Horrordiagnose: Multiple Sklerose (MS). Eine unheilbare Autoimmunerkrankung des Nervensystems. Sellin sagt zu Blick: «Es hat mich komplett aus dem Leben gerissen.»

Spitalaufenthalt statt Geburtstagsfeier

Die Bernerin begann mit 20 Jahren eine Ausbildung zur Operationstechnikerin: «Ich arbeitete in Spitälern, bei denen meist Not am Mann war.» Lange Arbeitstage, zahlreiche Einsätze.

Sie erinnert sich an die Zeit vor der Diagnose zurück. «Ich hatte ständig einen Druck in der Brust und fühlte mich so müde. Aber das waren wir alle aus dem Team, deshalb nahm ich es nicht so ernst.»

Dann kommt der 2. Dezember 2023. Sellin feiert ihren 27. Geburtstag – als plötzlich ihre rechte Gesichtshälfte einschläft.

Im Berner Inselspital beschreibt sie ihre Symptome. «Ich bin davon ausgegangen, dass ich nur rasch eine Kontrolle mache und dann nach Hause kann, wo noch immer mein Geburtstagskuchen auf mich wartete», gibt sie zu. Stattdessen muss sie in den Magnetresonanztomografen (MRI). «Erst da begriff ich den Ernst der Lage.»

Unheilbar krank

Das MRI zeigt aktive Entzündungen im Gehirn an, eine Autoimmunkrankheit steht im Vordergrund. Sellin erinnert sich: «Ich lag im Spital und wollte mein Testament schreiben – dabei hatte ich noch gar nicht gelebt. Ich hatte nur gearbeitet.»

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Sie sagt: «Ich hatte mich schon mit dem Tod auseinandergesetzt, aber dann nach der Diagnose eher damit, wo mich die MS einschränkt. Sie führt ja selten zum Tod.»
Foto: Philippe Rossier

Drei Tage später dann der schreckliche Verdacht der Ärzte. Es könnte MS sein. Sellin bleibt für zwei weitere Tage im Spital, um eine Cortison-Behandlung fertigzumachen, damit keine Schäden von der Lähmung im Gesicht bleiben.

Kaum aus der Klinik kontaktiert Sellin einen Psychologen. «Ich wusste: Ohne Unterstützung schaffe ich das nicht. Ich begann, mich mit dem Tod auseinanderzusetzen.» Zwei Monate später liegt das endgültige, niederschmetternde Resultat vor. Es ist definitiv Multiple Sklerose.

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Trotz Soforthilfe durch den Psychologen: Die OP-Schwester fällt in ein Loch. Monatelang kämpft sie mit Ängsten und Depressionen. «Ich bemitleidete mich selbst. Immer wieder fragte ich mich: Warum ich?» Ihr psychischer Zustand verschlimmert sich, sie erleidet Krampfattacken.

«Bin am Anfang in ein sehr, sehr tiefes Loch gefallen»
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Dominique Sellin (30) hat MS:«Bin am Anfang in ein sehr, sehr tiefes Loch gefallen»

Der Neustart

An ihrem Tiefpunkt trifft Sellin eine Entscheidung: «Entweder wartest du hier elendig auf den Tod – oder du machst etwas aus deinem Leben.»

Sellin reduziert ihr Pensum als OP-Schwester drastisch. Dafür steigt die Bernerin in die IT-Branche ein, wo sie Homeoffice machen kann. «Jetzt arbeite ich von überall aus, darf aber auch mein Leben leben», sagt Sellin. Der Job ermöglicht es ihr, im Monatsrhythmus zwischen der Schweiz und Spanien zu pendeln. Dort hat sie mit ihrem Mann ein Haus gekauft.

Sechs Monate nach der Diagnose legt sie sich einen neuen Freund zu: Chocolat-Labrador Taco. Sellin: «Er schenkt mir Energie, ist aber auch gleichzeitig mein Ruhepol.»

Die Verarbeitung

Seit Mai 2024 verarbeitet Sellin ihre Erkrankung auf Social Media. Auch, um andere Betroffene aufzuklären und ihnen Mut zu machen. Auch hier durchläuft sie eine Entwicklung: «Zuerst habe ich auf einem Kanal ganz ernst und traurig über meine MS berichtet, bis ich gemerkt habe: Eigentlich bin ich lebendig und lustig – und so will ich mich auch zeigen.»

Im Februar richtet Sellin mit dem neuen Kanal «nikki.undso» ihre Social-Media-Präsenz neu aus: Auf eine lockere und humorvolle Art spricht sie nicht nur über ihre MS, sondern teilt auch spannende Erlebnisse aus ihrer Arbeit im OP. Die Beiträge sorgen für Lacher – regen aber auch zum Nachdenken an.

Sellins Fazit: «Durch diese Diagnose habe ich erkannt, was mir wichtig ist. Ich habe angefangen, mein Leben wirklich zu leben.»

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