Die Schlüsselszene
Thun führt bis zur 67. Minute verdient mit 2:0 im Rückspiel der Champions League. Allerdings müssen sie ab diesem Zeitpunkt leiden. Das, weil Captain Marco Bürki nach einer Notbremse vom Platz fliegt. Weil ein Thuner Schmerzen hat, drischt Goalie Niklas Steffen den Ball ins Seitenaus. Zagrebs Fran Topic spielt den Einwurf fair zurück. Sein Mitspieler Lukas Kacavenda kennt dieses Gentlemen’s Agreement wohl aber nicht und beginnt sofort mit dem Pressing. Bürki ist davon überrascht, lässt sich den Ball abluchsen und weiss sich am Ende nur noch mit einem Foul zu helfen. Erst gibt es Gelb für den Innenverteidiger, doch der VAR schaltet sich ein und kippt diesen Entscheid. Kurz nach dem Platzverweis erhöhen die Zagreber erneut den Druck und schiessen erst den Anschlusstreffer in der 74. Minute durch Dion Drena Beljo, ehe nur vier Minuten später Kacavenda den Ausgleich feiert.
Das Spiel
Thun startet furios in die Partie, ist aufsässig, provoziert Ballverluste. Einen solchen nutzen die Gäste schon früh zum 1:0. Und auch in der Folge bleiben die Berner Oberländer aggressiv. Einen Konter kann Hinspiel-Torschütze Miha Zajc nur mit einem gelbwürdigen Foul unterbinden, Bürki trifft nach dem fälligen Freistoss spektakulär zum 2:0 in der 22. Minute. Die Ausgangslage sieht früh sehr, sehr gut aus.
Thun hat das Geschehen lange im Griff, auch wenn die Fernseh-Zuschauer davon zu Beginn der zweiten Hälfte nichts mitbekommen (siehe «Das gab zu reden»). Als dann das Bild wieder da ist, nimmt das Thuner Drama seinen Lauf. Zagreb dreht nach dem Platzverweis gegen Bürki auf, kommt plötzlich zu Chancen am Laufmeter. Zwei davon nutzt es, sodass die Partie in die Verlängerung geht.
In dieser verteidigt das Team von Neo-Trainer Gian-Luca Privitelli mit zwischenzeitlich nur 13 Prozent Ballbesitz mit viel Herz. Heule verpasst in der 97. Minute nach einem Gegenstoss gar den Treffer in Unterzahl. Dann aber zerberstet Moris Valincic die Thuner Träume in der Verlängerung.
Die Tore
4. Minute, Brighton Labeau, 0:1. Thun kontert nach einem Ballgewinn von Zoukit an der Mittellinie. Nils Reichmuth lanciert links im Strafraum Nassim Zoukit, dessen flache Hereingabe von links an Freund und Feind vorbeirauscht – aber nur bis zu Labeau, der am weiten Pfosten bereitsteht und mühelos einschieben kann.
22. Minute, Marco Bürki, 0:2. Fabio Fehr schlägt einen Freistoss aus dem rechten Halbfeld weit nach vorne an den linken Rand des Fünf-Meter-Raums. Sein Ball findet Bürki, der Zagreb-Goalie Ivan Filipovic mit einem sehenswerten Lupfer-Kopfball ins weite Eck überlistet.
74. Minute, Dion Drena Beljo, 1:2. Valincic flankt von rechts auf Beljo, der Glück hat, dass sein Kopfball den Weg via eigene Hüfte ins Tor findet.
78. Minute, Lukas Kacavenda, 2:2. Eine Ecke von Fran Topic auf den ersten Pfosten rutscht durch bis in den Fünfer, wo Kacavenda per Kopf einnicken kann.
112. Minute, Moris Valinicic, 3:2. Der Rechtsverteidiger zieht nach einem langen Lauf aus der Distanz ab und trifft oben links mitten ins Thuner Herz.
Die Stimme
Trainer Gian-Luca Privitelli gegenüber SRF: «Ich finde keine Worte. Schlussendlich bin ich stolz, wie wir es im Block zusammen verteidigt haben, jeder hat das letzte Hemd gegeben. Vor der Roten Karte waren sie maximal unfair. Sie spielen uns (wegen Fairplay, Anm. d. Red.) den Ball zurück und gehen sofort ins Pressing. Danach ist es nicht gut gespielt, aber trotzdem. Ist das nicht gentlemanlike? Und dann Rot zu geben, obwohl Justin (Roth, Anm. d. Red.) noch so nah ist. Das ist schon sehr mutig. Bei uns zu Hause gibt er da wahrscheinlich keine Rote.»
Der Beste
Thun-Goalie Niklas Steffen hat lange nicht viel zu halten. Doch nach der Roten Karte gegen Bürki rückt er in den Fokus. Ihn trifft bei den beiden Toren keine Schuld und er rettet die Thuner mit starken Paraden in die Verlängerung.
Der Schlechteste
Josip Misic sollte im defensiven Mittelfeld der Kroaten eigentlich Halt geben, doch das tut er nicht. Verliert den Ball leichtsinnig vor dem 1:0 und steht so am Anfang der Zagreber Beinahe-Blamage.
Das gab zu reden
Nach der Pause herrscht bei SRF Funkstille. «Die Bild- und Tonleitung aus Zagreb ist unterbrochen. Wir bitten Sie um Verständnis», meldet das Schweizer Fernsehen. Erst ab der 60. Minute ist das Signal zurück. In der Zwischenzeit bekommen die Zuschauerinnen und Zuschauer ein Konzert von Stefanie Heinzmann zu sehen und zu hören.
So gehts weiter
Die Thuner Champions-League-Träume sind ausgeträumt. Dafür geht es eine Stufe tiefer in der 3. Quali-Runde zur Europa League weiter. Dort wartet am 6. und 13. August der Verlierer des Duells zwischen Vikingur Reykjavik (Isl) und Hapoel Be’er Scheva (Isr), die am Mittwoch das Rückspiel im Exil in Ungarn spielen. Das Hinspiel gewann Reykjavik mit 2:1. Thun spielt das Hinspiel zu Hause. Um sicher in eine europäische Ligaphase zu kommen, braucht es mindestens einen Sieg in diesem Duell oder – im Falle einer erneuten Niederlage – in den Playoffs zur Conference League.
In der Liga empfängt Thun am kommenden Samstag (20.30 Uhr) YB.





