Darum gehts
- Fifa plant, 20 Prozent der WM-Rechte für 3,4 Milliarden CHF zu verkaufen
- Kritik von Uefa und Politik: Verkauf gefährdet Fussballintegrität und Werte
- Beiträge für nationale Verbände würden steigen, verspricht die Fifa
Worum geht es?
Die Fifa will die kommerziellen Rechte an ihren wichtigsten Wettbewerben wie der WM an eine Tochtergesellschaft namens «Fifa Forward Enterprise» (FFE) übertragen. Daran sollen private Investoren Anteile von bis zu 20 Prozent erwerben können – ein Novum in der Geschichte des Weltfussballverbands. Bereits festgelegt ist auch ein Preis für die Investition: Für den zum Verkauf stehenden Anteil verlangt die Fifa rund 3,4 Milliarden Franken.
Was plant die Fifa mit den zusätzlichen Einnahmen?
Mit den zusätzlichen Milliarden aus dem Teilverkauf will die Fifa die Beiträge an die 211 nationalen Mitgliedsverbände erhöhen: Zunächst stellt sie jedem Verband eine Einmalzahlung für «spezielle Projekte» in der Höhe von 16 Millionen Franken in Aussicht. Dazu will sie die Zahlungen pro Vierjahres-Zyklus deutlich erhöhen: Bereits für die Periode zwischen 2027 und 2030 soll jeder Verband weitere rund 16 Millionen Franken erhalten, bis 2038 könnten die Beiträge gar auf knapp 20 Millionen Franken ansteigen. Heute betragen sie etwa 6,5 Millionen Franken. Für Fifa-Präsident Gianni Infantino (56) sind die zusätzlichen Gelder «eine goldene Gelegenheit, um die globale Entwicklung des Spiels zu beschleunigen».
Behält die Fifa die Kontrolle über die WM?
Die Fifa und deren Präsident Infantino betonen, dass der Weltverband auch nach einem allfälligen Teilverkauf Mehrheitsinhaber bleibt und damit auch in kommerziellen Angelegenheiten gegenüber den privaten Investoren am längeren Hebel sitzt. An dieser Darstellung gibt es aber Zweifel, etwa von Antoine Duval. «Kein Investor investiert, ohne sich mit gewissen Rechten abzusichern. In der Regel sind Investoren smarter als die Verbände, sie verhandeln besser und sind perfekt darin, Klauseln aufzusetzen», erklärt der Leiter des Zentrums für Internationales Sportrecht des Asser-Instituts in Den Haag in einem Interview mit der «Zeit». Als warnendes Beispiel nennt er einen Investorenvertrag der französischen Fussball-Liga, bei dem die Geldgeber aufgrund von finanziellen Problemen der Sportorganisation immer mächtiger wurden und die Geldverteilung so zu ihren Gunsten beeinflussen konnten. «Sobald sie dabei sind, wird es sehr teuer, sie wieder loszuwerden. Man müsste ihnen mindestens ihr investiertes Kapital zurückzahlen», so Duval über die Investoren.
Gibt es interessierte Investoren?
Ja. Gemäss der britischen «Times» soll die US-amerikanische Private-Equity-Firma «Thrive Capital» eine interessierte Investorengruppe anführen. Deren Besitzer ist Joshua Kushner (41), Bruder von Trump-Schwiegersohn Jared Kushner (45). Das wirft Fragen zu einem allfälligen Engagement des US-Präsidenten auf.
Ist der US-Präsident ins Projekt involviert?
Stand jetzt nicht – auch Schwiegersohn Kushner ist seit Donald Trumps (80) erster Wahl ins Weisse Haus 2016 nicht mehr am Unternehmen seines Bruders beteiligt. Allerdings: Sollte tatsächlich «Thrive Capital» die zum Verkauf stehenden WM-Anteile erwerben, kann dies durchaus als ein weiteres Heranrücken der Fifa an das Trump-Umfeld angesehen werden. Es wäre nicht der erste Schritt in diese Richtung: Vor einem Jahr eröffnete die Fifa ein Büro im Trump Tower in New York, dazu ging der von Infantino initiierte Fifa-Friedenspreis im vergangenen Dezember an den US-Präsidenten.
Verfolgt Infantino persönliche Absichten?
Grosse Profiteure der Teilprivatisierung sind gemäss der Fifa vor allem die nationalen Fussball-Verbände, die sich über zusätzliche Einnahmen freuen dürfen – gerade die kleinen Fussball-Nationen finanzieren sich zu einem grossen Teil durch die Beiträge des Weltverbands. Nutzniesser der Pläne könnte am Ende aber auch der Fifa-Präsident selbst sein. Einerseits dürfte er im Hinblick auf seine angestrebte Wiederwahl am Fifa-Kongress im März 2027 bei vielen stimmberechtigten Verbänden zusätzliche Pluspunkte sammeln. Andererseits entsteht an der Spitze der FFE ein neues mächtiges Amt im Weltfussball – eine mögliche Berufsperspektive für Infantino, wenn er 2031 aufgrund der Amtszeitbeschränkung nicht mehr zum Fifa-Präsidenten gewählt werden kann?
Wer stellt sich gegen die Pläne?
Schon kurz nach dem Bekanntwerden der Pläne stellte sich die Uefa dagegen – und dies sehr vehement: «Keiner von uns ist Eigentümer des Fussballs. Es steht der Fifa nicht zu, ihn zu verkaufen», schrieb der europäische Fussballverband in einem Statement vom Dienstagabend. Für Donnerstag war eine Dringlichkeitssitzung angesetzt, in der die 55 Uefa-Mitgliedsverbände über das weitere Vorgehen diskutieren wollen. Am Abend folgt der Hammer: Alle Mitgliederverbände haben einstimmig einem Boykott aller Fifa-Turniere zugestimmt, solange der Vorschlag besteht respektive am Vorhaben festgehalten wird. Auf die Seite der Uefa schlägt sich ein weiterer Kontinentalverband: Der CONCACAF, dem Länder aus Nord- und Mittelamerika und der Karibik angehören, äussert sich ebenfalls kritisch zum Vorhaben der Fifa.
Rückendeckung erhalten die Verbände aus der Politik: Glenn Micallef (37), der innerhalb der EU-Kommission unter anderem für den Sport verantwortlich ist, schreibt auf X: «Genug ist genug. Die unaufhörliche Kommerzialisierung des Fussballs ist zerstörerisch geworden. Es bedroht, was den Fussball zum beliebtesten Sport der Welt gemacht hat.» Und der britische Premierminister Andy Burnham (56) sagt: «Der Fussball gehört nicht den Investoren. Wenn du einen Teil von ihm verkaufst, hast du ihn ausverkauft.»
Verscherbelt die Fifa ihre WM-Rechte?
Kritisiert werden die Pläne der Fifa aber nicht nur aus fussballromantischen Gründen, sondern teils auch in finanzieller Hinsicht. Die WM dürfte in Zukunft weiter wachsen, zumal bereits eine Erweiterung auf 64 Mannschaften im Raum steht. Ausserdem plane man gemäss «Guardian» die Aufstockung von 200 auf 450 weltweite Turniere – pro Jahr! Es stellt sich deshalb die Frage, ob die Fifa das zu erwartende Plus nicht lieber vollständig für sich behalten würde – und der veranschlagte Verkaufspreis von 3,4 Milliarden Franken dem Wertzuwachs wirklich Rechnung trägt. Da viele Faktoren noch unbekannt sind, halten sich die Finanzexperten mit entsprechenden Einschätzungen noch zurück. Auf die Äste hinaus wagt sich dagegen «Times»-Sportjournalist Duncan Castles, der nach einem Vergleich mit anderen Investitionen in der Sportwelt zum Schluss kommt: «Entweder ist Infantino dumm genug, um die WM für einen Preis deutlich unter Wert zu verkaufen, oder er hat einen persönlichen Anreiz, genau das zu tun.»
Wer unterstützt die Fifa?
Auch wenn ausserhalb der Fifa bislang vor allem Kritiker zu hören sind: Es gibt aus der Fussballwelt auch Unterstützung für das Vorhaben des Weltverbands. So zeigt sich der afrikanische Kontinentalverband CAF offen für den Teilverkauf und will den Dialog mit allen Beteiligten fortsetzen, «um die finanziellen und sonstigen Ressourcen für die Entwicklung und das Wachstum des Fussballs in Afrika und weltweit zu stärken».