Das Spiel
Aus, aus, aus, aus, die WM ist aus – zumindest für den Champion von 2014. Deutschland erlebt in Boston bittere Stunden in seiner Fussballgeschichte. Und dies gegen einen Gegner, der im Vorfeld noch als drittklassig bezeichnet wurde. Das Aus kommt ausgerechnet im Penaltyschiessen, das bisher die deutsche Paradedisziplin an Weltmeisterschaften war. So weit hätte es aus deutscher Sicht allerdings gar nicht kommen müssen.
Aber der Reihe nach: Bus parkieren, hinten reinstellen, im tiefen Block agieren – wie auch immer man Paraguays Ausrichtung nennen mag, schön anzusehen ist sie tatsächlich nicht. Muss sie auch nicht. Die Deutschen beissen sich am südamerikanischen Dreifach-Riegel die Zähne aus. Sané bleibt mit jedem seiner Dribblings hängen, Wirtz und Brown stehen sich gegenseitig im Weg und das Zentrum ist sowieso dicht. So verpufft auch der Effekt der erstmaligen Doppelspitze.
Wie es funktionieren könnte, zeigt Paraguay kurz vor der Pause, als der krasse Aussenseiter mit einem simplen Spielzug in Führung geht. Obwohl DFB-Trainer Nagelsmann prominente Kräfte wie Goretzka oder Musiala einwechselt, wird das Spiel nicht ideenreicher. Einziges Rezept sind Flanken von Wirtz auf Havertz. Eine davon führt immerhin zum Ausgleich.
Die Partie ist auf einem so bescheidenen Niveau, dass die Verlängerung mehr einem Nachsitzen als einer Zugabe entspricht. Es passt ins Bild, dass zuerst eine strittige Schiri-Entscheidung das deutsche 2:1 verhindert und anschliessend die Penalty-Lotterie für die Entscheidung sorgt.
Die Tore
42. Minute, Julio Enciso, 0:1. Ein einfacher Positionswechsel auf dem rechten Flügel reicht, damit Pavlovic und Brown ins Leere laufen. Und bei der Flanke in die Mitte steht niemand in der Nähe von Enciso, der mit seinem Kopfball Neuer keine Chance lässt.
54. Minute, Kai Havertz, 1:1. Wirtz flankt von links, in der Mitte verlängert Havertz. Der Kopfball passt genau in die weite Ecke.
Das gab zu reden I
Die Mehrheit der 80 Millionen hat ihn gefordert, der Bundestrainer hat sie erhört: Julian Nagelsmann stellt seine Startelf um und bringt Deniz Undav. Für den besten deutschen Torjäger der letzten Bundesliga-Saison (19 Treffer für Stuttgart) muss Jamal Musiala auf die Bank. «Die Nation wollte es schon relativ lange, jetzt ist er halt drin», sagt DFB-Sportdirektor Rudi Völler bei MagentaTV zu Undavs Beförderung.
Nach gut einer Stunde wird Undav ohne eine nennenswerte Szene ausgewechselt. Oder wie es Jürgen Klopp ebenfalls bei MagentaTV formuliert: «Wenn ich dich angucke und du zeigst mir nicht mit deinen Augen, dass du den Ball willst, dann kriegst du ihn auch nicht.»
Das gab zu reden II
In der ersten Halbzeit der Verlängerung jubeln die Deutschen nach einem Kopfball-Tor von Tah über das 2:1. Der Jubel bleibt ihnen aber im Hals stecken, als sich der VAR meldet und Schiri Jalal Jayed aus Marokko den Treffer wegen eines angeblichen Fouls von Anton am Paraguay-Goalie aberkennt. Nagelsmann kann es nicht fassen. Schiri-Experte Sascha Amhof bei SRF auch nicht: «Die Sonderbehandlung der Torhüter ist ein Ammenmärchen. Aus meiner Sicht ist das ein korrektes Tor. Als Deutscher würde ich mich auch ärgern.» Minuten nach Abpfiff hadert die «Bild»-Zeitung bereits: «Unser Tor hätte zählen müssen.» Und Trainer Nagelsmann echauffiert sich im ZDF: «Ich weiss nicht, was er da gesehen hat. Das ist echt ein Witz. Das ist nicht nur ein Skandal, das ist ein Voll-Skandal.»
Das gab zu reden III
Deutschlands bisher makellose Penalty-Bilanz an Weltmeisterschaften ist futsch. Vier Mal war eine DFB-Elf angetreten, vier Mal kam sie weiter. Von 18 Schützen hatten zuvor 17 getroffen. Nun gesellen sich Kai Havertz, Nick Woltemade und Jonathan Tah zu Uli Stielike, der 1982 verschossen hatte.
So gehts weiter
Paraguay trifft am Samstag um 23 Uhr Schweizer Zeit in Philadelphia auf den Sieger von Frankreich gegen Schweden (Dienstag, 23 Uhr).






