Das Spiel
Vor dem Spiel um Platz drei sagte England-Trainer Thomas Tuchel: «Niemand von uns oder den Franzosen will dieses Match spielen.» Damit sollte der 52-Jährige nur teilweise recht behalten. Es sind nämlich nur die Franzosen, die so gar keine Lust auf das Spiel haben. Bereits nach nur zwei Minuten schiesst Declan Rice die Three Lions in Front – die Gegenwehr der Equipe Tricolore? Inexistent. Bei beiden Teams, deren Startelf ordentlich durchgewirbelt wurde, schleichen sich noch viele kleine Fehler ein. Trotzdem sind es die Engländer, die das nächste Tor vehementer suchen. Ein Tor von Bukayo Saka zählt zu Recht wegen Abseits nicht, ehe Ezri Konsa den Ball in der 18. Minute nach einem Eckball völlig unbedrängt ins Tor nickt.
Das Team von Trainer Didier Deschamps ist völlig von der Rolle. Kurz vor der Pause kann Marcus Rashford alleine auf Goalie Mike Maignan losziehen. Der Keeper bleibt Sieger im Duell, doch weil die Verteidigung nicht wirklich aufrückt, kann Saka im Nachschuss doch noch einen Torerfolg verbuchen. Damit aber noch nicht genug: Wieder ist es Saka, der in der Nachspielzeit der ersten Hälfte noch das 4:0 schiesst. Frankreich zeigt wie im Halbfinal einen erschreckend schwachen Auftritt.
Wie unzufrieden Deschamps mit seinen Spielern ist, zeigt sich zur Pause. Mit Dayot Upamecano, Lucas Digne, Bradley Barcola und Ousmane Dembélé kommen gleich vier neue Kräfte ins Spiel. Und tatsächlich: Sofort wird das Spiel besser. Nur drei Minuten nach Wiederanpfiff trifft Kylian Mbappé zum 1:4 und setzt damit Argentiniens Lionel Messi im Kampf um die Torjäger-Krone unter Zugzwang. Plötzlich sind es die Engländer, denen nichts mehr gelingt. Nach 55 Minuten trifft der eingewechselte Barcola zum 2:4 und bringt so tatsächlich nochmals etwas Spannung zurück. Spätestens nach 66 Minuten sind die Franzosen dann komplett zurück. Mbappé erzielt sein zehntes Tor an dieser Endrunde – England ist nicht wiederzuerkennen. Frankreichs Wiederauferstehung wird kurz vor Schluss jäh gestoppt. Dies weil zum einen Michael Olise gleich mehrere Topchancen liegenlässt, zum anderen weil Djed Spence fünf Minuten vor Schluss einen Penalty rausholt und Saka so seinen Hattrick zum 5:3 komplettiert. In der Verlängerung lässt Dembélé die französischen Fans mit dem 4:5 nochmals hoffen, doch im direkten Gegenzug sorgt der eingewechselte Jude Bellingham mit dem 6:4 für den endgültigen Schlusspunkt.
Somit sichert sich England in einem wilden Spiel den dritten Platz, während sich Deschamps bei seiner Dernière als Frankreich-Coach mit einer Niederlage verabschiedet.
Die Tore
3. Minute, Declan Rice, 0:1. Désiré Doué spielt einen katastrophalen Fehlpass durchs Zentrum, den Rice mühelos antizipiert. Der Arsenal-Star kann losziehen und versorgt den Ball aus 18 Metern unten rechts im Netz.
18. Minute, Ezri Konsa, 0:2. Der Aston-Villa-Verteidiger steigt nach einer Rice-Ecke von links am höchsten und nickt den Ball in die weite Ecke. Adrien Rabiot lässt sich nur allzu einfach abschütteln und kommt dementsprechend zu spät.
37. Minute, Bukayo Saka, 0:3. Die Franzosen stehen mit allen zehn Feldspielern tief in der englischen Hälfte. So reicht ein Steilpass von Saka, damit Marcus Rashford alleine aufs Tor ziehen kann. Dieser scheitert zwar an Maignan und auch Sakas Nachschuss wird geblockt. Doch Rashford kommt erneut an den Ball und legt auf Saka ab, dessen zweiter Versuch von Erfolg gekrönt ist.
45. + 1. Minute, Bukayo Saka, 0:4. Dieses Mal stehen zwar alle Franzosen hinter der Mittellinie, dennoch reichen zwei Pässe, um sie schachmatt zu stellen. Marc Guéhi spielt Eberechi Eze im Zentrum an. Der dreht sich elegant um Warren Zaïre-Emery und spielt weiter in den Lauf von Saka. Der Arsenal-Star hat keine Mühe, aus elf Metern zu vollstrecken.
48. Minute, Kylian Mbappé, 1:4. Nach einer Balleroberung des eingewechselten Dayot Upamecano gehts blitzschnell. Über Michael Olise gehts weiter zu Mbappé, der eiskalt einschiebt und so die Führung in der WM-Torschützenliste übernimmt.
54. Minute, Bradley Barcola, 2:4. Nach einem Steilpass über die linke Angriffsseite sprintet Bradley Barcola Jarell Quansah davon und lässt Goalie Dean Henderson im Eins-gegen-eins keine Chance.
66. Minute, Kylian Mbappé, 3:4. Olise und Mbappé spielen auf engstem Raum Katz und Maus. Am Ende steht das zehnte Turniertor des Real-Superstars.
87. Minute, Bukayo Saka, 3:5. Malo Gusto holt Djed Spence im Strafraum von den Beinen. Saka trifft vom Punkt zum dritten Mal – die vermeintliche Entscheidung.
90. + 6. Minute, Ousmane Dembélé, 4:5. Der eingewechselte PSG-Star schlenzt den Ball von halblinks ins Tor. England verteidigt mit der Führung im Rücken nachlässig, das Spiel ist immer noch nicht entschieden.
90. + 8. Minute, Jude Bellingham, 4:6. Jude Bellingham setzt mit einem Sololauf über 70 Meter den Schlusspunkt hinter eine denkwürdige Partie.
Das gab zu reden I
Nanu? Nach dem Halbzeitpfiff tauschen die Captains Rice und Mbappé ihre Trikots. Der Franzose schäkert auf dem Weg in die Katakomben mit England-Coach Thomas Tuchel. Hat er das Rennen um den Goldenen Schuh nach der 0:4-Frust-Halbzeit schon aufgegeben? Nein! Mbappé – wie auch Rice – kehrt mit frischen Leibchen auf den Platz zurück und bringt sich mit einem Doppelpack in die Poleposition im Kampf um den Titel des Torschützenkönigs gegen Lionel Messi.
Und nicht nur das: Auch in der ewigen WM-Torschützenliste liegt Mbappé nun mit 22 Treffern vor Messi mit 21. Freuen kann er sich darüber aber nicht wirklich.
Das gab zu reden II
Torreiche Bronzespiele sind keine Seltenheit, da die Teams meist mit offenerem Visier zu Werke gehen. Aber zehn Treffer? Das gabs noch nie! Der Rekord von Frankreich gegen Deutschland von 1958 (6:3) ist gebrochen. Das Spektakel in Miami ist zudem das WM-Spiel mit den drittmeisten Toren der WM-Geschichte – hinter der Hitzeschlacht von Lausanne 1954 zwischen der Schweiz und Österreich (5:7), Brasilien gegen Polen 1938 (6:5) und Ungarn gegen El Salvador 1982 (10:1).
So gehts weiter
103 der 104 WM-Spiele sind durch. Am Sonntag (21 Uhr Schweizer Zeit) entscheidet sich zwischen Spanien und Argentinien, wer mit dem Pokal nach Hause reist.
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