Erfolg im Silicon Valley
Dieser Schweizer fordert den US-Chipriesen Nvidia heraus

Der Waadtländer Jean-Philippe Fricker hat mit Cerebras Systems einen Milliardenkonzern im Silicon Valley aufgebaut – und lehrt nun Nvidia das Fürchten. Die Erfolgsstory dahinter.
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JP Fricker mit einem Cerebras-Chip. Sie sind 50-mal grösser (und teurer) als jene der Konkurrenz.
Foto: Mark Leong/Redux/Bilanz

Darum gehts

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Es ist ein für das Silicon Valley typischer Flachbau, die ebenso typischen Küstenmammutbäume säumen das Areal. Darauf ein grosses Parkfeld, auf dem kein einziger Platz mehr frei ist. Drinnen setzt sich das Gedränge fort: überfüllte Grossraumbüros mit Cubicles, viele provisorische Trennwände, manche Mitarbeiter sitzen sogar in den Gängen an kleinen Schreibtischen.

«Unsere Büros sind gefährlich voll», drückt es Jean-Philippe Fricker (58) aus, den sie hier alle nur JP nennen. Kein Wunder, denn Cerebras Systems, so der Name der hier einquartierten Firma, wächst wie verrückt: In den letzten drei Jahren hat sie den Umsatz mehr als verzwanzigfacht auf zuletzt eine halbe Milliarde Dollar.

Artikel aus der «Bilanz»

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Bilanz» publiziert. Weitere spannende Artikel findest du unter bilanz.ch.

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Soeben hat das zehn Jahre junge Unternehmen einen der grössten Tech-Börsengänge aller Zeiten hingelegt: Mit 69 Milliarden Dollar wurde Cerebras am Tag des IPO bewertet, ein Vielfaches des ursprünglich erwarteten Wertes. Um 68 Prozent stieg der Kurs am ersten Handelstag. Zehn Tage später war die Firma aus Sunnyvale, eine Viertelstunde entfernt vom Apple-Hauptsitz, bereits Teil des S&P-500-Aktienindex. «Es war unglaublich», erinnert sich Fricker, der hier als Einziger ein Jackett trägt.

JP Fricker (in Rot) und die Cerebras-Führungsriege beim Börsengang an der Nasdaq Mitte Mai.
Foto: Bloomberg

Treibende Kraft

Der gebürtige Waadtländer ist Co-Gründer und das Gehirn von Cerebras – ohne ihn wäre der Erfolg nicht möglich gewesen. «Chief System Architect» lautet sein offizieller Titel, auch als Mitglied der Konzernleitung sitzt er im engen Gewusel. Einziges Privileg: Sein Cubicle ist nahe am Fenster.

Cerebras stellt Chips her, die rund 50-mal leistungsstärker sind als die potentesten Prozessoren. In Zeiten des explodierenden Rechenbedarfs dank KI eine Goldgrube. «Was Jean-Philippe geschaffen hat, wird uns noch stark beeinflussen, auch als Gesellschaft. Denn bisher funktioniert KI noch viel zu langsam», sagt sein Freund Marcel Salathé, EPFL-Professor und KI-Experte.

Im Inneren des Cerebras-Hauptsitzes in Sunnyvale sind Fotoaufnahmen streng verboten.
Foto: Mark Leong/Redux/Bilanz

Fricker wird das Tüftler-Gen in die Wiege gelegt: Sein Vater, Ingenieur ETS, war einer der Ersten, die computergestützte Fräsmaschinen entwickelten, die Mutter Hausfrau, beide stammen aus Biel. JP wächst in Locarno auf. Als er zwölf ist, zügelt die Familie nach La Chaux-de-Fonds. «Alles, was ich zu Hause auseinanderbauen konnte, habe ich auseinandergebaut», erinnert er sich. «Ich habe viele Sicherungen durchgebrannt. Ich hätte fast ein Feuer im Zimmer ausgelöst. Ich habe viele Dinge getan, von denen ich Kindern zu Hause abraten würde.» Als sein Vater in den frühen 1980er-Jahren einen ersten Computer nach Hause bringt, programmiert JP die Nächte durch.

Tagsüber geht er ins Warenhaus La Placette und manipuliert die dort ausgestellten Heimcomputer: «Dieses Gerät zerstört sich selbst in …», zeigt es dann mit einem Countdown an, wenn ein Kunde eine Taste drückt. Das Studium an der EPFL in Lausanne ist die logische Konsequenz. Im ersten Jahr fällt er durch: «Es war schwer, und inzwischen ist es noch viel schwerer. Heute würde ich es wahrscheinlich nicht schaffen.» Aber vieles, was er vor einem Vierteljahrhundert dort lernte, bezeichnet er auch heute noch als essenziell – Fundamentalwissen über Physik, Elektronik, Thermodynamik, Materialwissenschaften, aber auch, wie man lernt.

Zu wenig Ambition

Den ersten Job bei einem Start-up, das eine EPFL-Entwicklung für Telekommunikation samt Verschlüsselung verkauft, gibt er auf, weil ihm CEO und Eigentümer zu wenig ambitioniert sind. Er zieht mit seiner Ehefrau und den beiden Kindern ins Silicon Valley: «Das war der richtige Ort für integrierte Schaltkreise.» Doch viele Amerikaner sind besser ausgebildet in Chipdesign, also verlegt sich Fricker auf die Integration der Chips ins System. Bis heute macht er nichts anderes. Er landet 1997 bei Logitech in Fremont. Nicht der richtige Ort für ihn: «Die Firma ist toll in Marketing und weniger toll in Technologie.»

Und weil er inmitten von Landsleuten nur französisch spricht, verbessert sich sein Englisch kaum. Er wechselt zu einem Start-up. In den sechs Monaten, in denen sein Arbeitsvisum umgeschrieben wird, wird die Firma vom Milliardenkonzern Cabletron gekauft. An seinem ersten Arbeitstag sieht Fricker auf dem Firmenparkplatz all die Porsches jener Mitarbeiter, die durch die Übernahme gerade Millionär geworden sind. Er selber fährt für die inzwischen fünfköpfige Familie einen alten Hyundai mit zwei Türen und Kurbelfenstern: «Mir wurde klar: Hmm, das ist wahrscheinlich der bessere Weg, reich zu werden, als in einem normalen Job zu bleiben. So wuchs in mir der Wunsch, etwas zu wagen.»

Die erste Chance kommt, als sein Geschäftsbereich abgespalten und unter dem Namen Riverstone an die Börse gebracht wird. Doch bis die Haltefristen endlich abgelaufen sind und er seine Aktienoptionen einlösen kann, sind sie wertlos. Kein Porsche. Die Familie zügelt zurück in die Schweiz, damit seine Frau ihren Beruf als Ärztin ausüben kann. 60 bis 80 Stunden wöchentlich arbeitet sie im Spital, während JP von Freiburg aus für Riverstone Teams in Kalifornien, Texas, UK, Israel und Indien managt – gleichzeitig, sechs Tage die Woche und bis 2 Uhr morgens, wenn die US-Westküste langsam in den Feierabend geht.

Kaum Zeit für die Familie

Parallel betreut und bekocht er die Kinder. «Ich hatte keinen Abend für mich, keinerlei Zeit für gesellschaftliche Aktivitäten. Es war wirklich tough!», erinnert er sich. «Meine Frau und ich dateten uns ungefähr einmal im Monat.» Als wäre das nicht genug, nimmt er einen weiteren Job an: Andrew Feldman, ein Kollege von Riverstone und der heutige CEO von Cerebras, fragt JP an, ob er ihm in der Mittagspause nach Feierabend bei seinem Start-up helfen könnte – «Moonlighting» nennt sich das und ist eine gängige Praxis im Silicon Valley. Fricker lässt sich in Aktienoptionen bezahlen.

Nach vier Jahren geht die Familie zurück ins Valley, seine Frau, die eigentlich kurz davor war, eine Praxis in der Schweiz zu eröffnen, kümmert sich dort nun um die drei Kinder, weil ihr Diplom in den USA nicht anerkannt wird. Fricker lässt sich von einem Ex-Kollegen breitschlagen, bei dessen Firma ebenfalls ein Beratermandat anzunehmen – jetzt hat er drei Jobs gleichzeitig. Nein zu sagen, scheint nicht seine grosse Stärke zu sein. Auch hier nimmt er Optionen statt eines Beraterhonorars. Aber der Jackpot bleibt aus. Kein Porsche.

2016 rufen ihn Ex-Kollegen um Andrew Feldman an: Sie würden sich überlegen, etwas Neues zu machen, ob er sie auf einen Kaffee treffen wolle. Es werden viele Kaffees. Der Markt für Machine Learning nimmt gerade Fahrt auf, die existierenden, verteilten Architekturen sind dafür nicht ideal: Zu viel Zeit geht verloren beim Datentransport zwischen verschiedenen Chips. Die Grundidee von Cerebras ist geboren: auf einem Wafer sowohl zahlreiche Rechenkerne als auch den Speicher unterzubringen. «Deshalb war uns klar, dass wir einen möglichst grossen Chip entwickeln mussten», sagt Fricker. Die Cerebras-Chips erstrecken sich auf über 500 Quadratzentimeter, fast die Fläche eines A4-Blattes und 58-mal so gross wie üblich. Size matters – ein ungewöhnlicher Ansatz in einer Branche, in der Miniaturisierung alles ist.

CEO Andrew Feldman (Bild) ist der Geschichtenerzähler, JP Fricker das Mastermind hinter der Cerebras-Technologie.
Foto: DUKAS

Aufbruch ins Neuland

Daraus erwuchsen zahlreiche neue Herausforderungen: Wie lässt sich ein solcher Chip mit Energie versorgen? Wie ausreichend kühlen? Wie in ein Rechenzentrum integrieren? Es sind genau diese Aufgaben, die Fricker heute verantwortet. Hinzu kam: Die taiwanesische TSMC, die die Wafer für Cerebras – wie auch für fast alle anderen Chiphersteller der Welt – produziert, musste ihre Fabrikationsprozesse extra für den Monsterchip anpassen. Und dann natürlich die Software: «Sie ist unverzichtbar, damit die Hardware die Leistungsfähigkeit und die Vorteile der Architektur tatsächlich ausspielen kann», sagt Fricker. So ist denn auch die Mehrheit der Ingenieure bei Cerebras Programmierer.

Alles Neuland, das Cerebras begehen musste, und ein entsprechend langer Weg. «Es gab viele, viele schwere Zeiten. Die ersten vier Jahre klappte einfach gar nichts», erinnert sich Fricker. Ob er ans Aufgeben gedacht habe? «Oh, so oft!», seufzt er. Entsprechend schwierig war es, Risikokapitalgeber zu finden. Der Kapitalbedarf sollte schlussendlich auf gewaltige 4,7 Milliarden Dollar wachsen bis zur Series H kurz vor dem Börsengang. Das Glück von Cerebras: Die Firma konnte mit Pierre Lamond (95), Mitgründer von National Semiconductor, eine Legende des Silicon Valley als frühen Investor gewinnen.

Er gab nicht nur Kapital, sondern öffnete Türen (etwa zu TSMC) und baute Brücken zwischen Technikern und Geldgebern. «Hier ist der einzige Rat, den ich einem Gründer geben würde, der sich einen VC aussucht: Es geht nicht nur um das Geld – es geht darum, welchen Mehrwert man dir bietet», so Fricker in einem emotionalen Dankes-Post an Lamond auf LinkedIn. Es ist eine typische Fricker-Message: persönlich, direkt, klar. «Jean-Philippe hat nie eine Hidden Agenda, die es im Silicon-Valley-Umfeld leider sehr oft gibt», beschreibt ihn Marcel Salathé. «Er ist nicht transaktionsorientiert, sondern interessiert sich für das Gegenüber und die Sache.»

Nachdem Fricker vor zwei Jahren an den Applied Machine Learning Days in Lausanne aufgetreten war, wurde er von Studenten umringt. Fricker kam als einer der Letzten aus dem Gebäude, weil er sich die Zeit nahm, alle Fragen zu beantworten. Der lange Weg, den er und seine Mannschaft gegangen sind, hat sich gelohnt, denn die Kundenliste von Cerebras ist heute illuster: so ziemlich alles, was Rang und Namen hat in der KI wie OpenAI und Amazon, Meta, Perplexity und Mistral, ausserdem Pharmafirmen wie Astrazeneca und GlaxoSmithKline, Energieanbieter wie die französische TotalEnergies oder Forschungszentren wie das Argonne National Laboratory in Chicago, das kalifornische Lawrence Livermore National Laboratory, das Leibniz-Rechenzentrum bei München und das Edinburgh Parallel Computing Center. Für sie bestückt und betreibt Cerebras auf Wunsch auch gleich die Datenzentren.

David gegen Goliath

Mit OpenAI schloss das Unternehmen kürzlich einen Rahmenvertrag über Leistungen im Wert von 20 Milliarden Dollar ab. Die KI-Firma von Sam Altman ist auch zu drei Prozent an Cerebras beteiligt und hat Optionen auf weitere sieben Prozent. Im Chipmarkt sind viele Konkurrenten unterwegs, Giganten wie Intel, AMD, Broadcom und Samsung. Grösster Widersacher ist aber natürlich Nvidia, die wertvollste Firma der Welt und unbestrittener Marktführer bei KI-Prozessoren.

Es ist ein Kampf von David gegen Goliath. Aber David hat einen gewaltigen Vorteil: Die Cerebras-Chips sind rund 55-mal leistungsfähiger als jene des Marktführers, die bis dahin als das Nonplusultra galten. «Nvidia ist in vielen Bereichen unterwegs. Wir werden sie nicht überall schlagen», sagt Fricker. «Aber wir werden sie zweifelsohne dort schlagen, wo wir am besten sind: bei der schnellen Inferenz», also der Anwendung eines bereits trainierten KI-Modells auf neue Daten. Sie macht den Hauptteil des Bedarfs an Rechenkapazität aus, denn trainiert wird ein KI-System nur einmal, danach aber ständig verwendet.

Ist Cerebras die nächste Nvidia? Diese Frage stellen sich derzeit viele im Silicon Valley, aber auch an der Wall Street. Und es deutet einiges darauf hin. Denn viele KI-Firmen sind noch so froh, sich endlich aus der monopolistischen Umklammerung von Nvidia lösen zu können. Vor allem aber: Technologisch hat Nvidia wenig entgegenzusetzen. Deshalb lizenziert der Marktführer nun die Technologie des US-Start-ups Groq (hat nichts mit Elon Musks KI-Anbieter Grok zu tun). «In vielerlei Hinsicht bestätigen sie damit nur, was wir schon die ganze Zeit wussten», nimmt es Fricker gelassen.

Und dass auch andere Anbieter versuchen werden, seinen Ansatz zu kopieren, sorgt ihn nicht: «Wir wissen, dass es Versuche gibt, aber wir haben noch keinen Prototyp gesehen, der funktioniert. Und wir haben einen Vorsprung von zehn Jahren.» Zusammengebaut werden seine High-End-Rechner beim Auftragsfertiger Flex (die frühere Flextronics) in Milpitas, fünfzehn Autominuten vom Cerebras-Hauptquartier entfernt, in zwei riesigen Produktionshallen, jede 10'000 Quadratmeter gross. «Wir bauen aus», sagt Jeff Bell, der hier die Oberaufsicht hat. Grosse Plastikplanen hängen von der Decke zur Abgrenzung jener Montageflächen, die gerade bestückt werden.

Momentan schrauben hier 400 Mitarbeiter an 56 Systemen gleichzeitig. Es ist viel Handarbeit dabei, 21 Stunden dauert es, bis ein Serverrack mit Cerebras-Wafern einsatzbereit ist. Klar, dass der Vorgang zunehmend automatisiert werden muss, will die Firma ihre steilen Wachstumsprognosen einhalten. Danach wird das Gerät 55 Stunden lang mit dem typischen KI-Workload getestet, wie er auch beim Kunden anfallen würde, schliesslich verpackt und per Lkw ausgeliefert. Fotografieren ist hier streng verboten, ebenso wie im Cerebras-Hauptsitz.

Strategisch relevant

80 Prozent der Cerebras-Produkte stellt Flex her, der Rest wird auf kleine Auftragsfertiger verteilt, allesamt in den USA. Denn die Hochleistungschips sind für die US-Regierung strategisch relevant und fallen unter die Exportkontrolle. Das hat Cerebras bereits zu spüren bekommen: Eigentlich hätte der Börsengang schon vor zwei Jahren stattfinden sollen. Doch in den Börsenunterlagen meldete das Management nicht, dass der Grosskunde G42 (eine staatliche KI-Holding in Abu Dhabi) ein Prozent der Aktien hält.

Das löste eine umfangreiche Untersuchung der Bush-Administration aus – man fürchtete, dass die Chips via Mittleren Osten in China landen könnten. Nachdem G42 ihren Anteil verkauft hatte, gab die neue Regierung unter Trump schliesslich grünes Licht. «Rückblickend war die Verzögerung gut für uns», sagt Fricker. Denn seither ist der KI-Boom und damit der Bedarf nach Rechenkapazität nur noch grösser geworden. Aber weiterhin darf Cerebras die Technologie nur in bestimmte Länder liefern.

Die Cerebras-Mannschaft auf dem New Yorker Times Square am Tag des IPO – sogar der Nachwuchs feiert mit.
Foto: Bloomberg

Die Schweiz gehört – allen jüngeren transatlantischen Spannungen zum Trotz – dazu: Drei der Chips hat Fricker dem Musée Bolo in Lausanne gestiftet. Überhaupt sind seine Verbindungen in die alte Heimat eng: Mindestens einmal pro Quartal ist er in der Schweiz, tritt gelegentlich an seiner Alma Mater auf. «Er fühlt sich nach wie vor der EPFL, der Schweiz und dem System verbunden», sagt Salathé. Wann immer er kann, reist Fricker zum Snowboarden nach Zermatt, mit seiner Frau Kajak fahren steht ebenfalls auf seiner Hobbyliste, er hat lange Windsurfen betrieben und ist Weinliebhaber mit Vorliebe für den Divico-Merlot aus der Waadtländer Heimat.

Den Morgen des 14. Mai wird Fricker nie vergessen, als CEO Andrew Feldman auf einer Bühne der New Yorker Technologiebörse Nasdaq seine Unterschrift unter das IPO-Dokument setzte und jenen Knopf drückte, der den Handel mit der Cerebras-Aktie eröffnete. Fricker wischte derweil die Konfetti vom Tisch. In diesem Moment der Anerkennung war der sonst so nüchterne Techniker euphorisch: «Man arbeitet zehn Jahre lang wie verrückt. Ich habe mir bei so vielen Dingen den Arsch aufgerissen, die dann doch nicht geklappt haben, und genau in diesem Moment wird dir plötzlich klar: Oh, das hier ist echt! Was wir getan haben, hat einen Wert!» Und was für einen.

Hochstimmung

Das Fenster für Tech-Börsengänge war seit der Pandemie geschlossen, Cerebras hat es wieder weit aufgestossen. «Seither herrscht Hochstimmung im Silicon Valley», sagt Alex Fries, Bündner VC mit Sitz in Saratoga, eine Viertelstunde vom Cerebras-Sitz entfernt. Wäre das IPO in die Hose gegangen, hätte SpaceX ihren Rekordbörsengang (er fand vier Wochen später statt) wohl abgeblasen, und die KI-Spezialisten Anthropic und OpenAI hätten ihre Unterlagen gar nicht erst bei der Wertpapieraufsicht SEC eingereicht. Dass der Cerebras-Kurs wegen Gewinnmitnahmen nach der Kursexplosion erst mal ordentlich abtauchte – geschenkt. Seither hat er sich wieder gefangen. Heute ist ein grosser Teil der 800 Mitarbeiter Millionär. Sogar die Praktikanten wurden mit Aktienoptionen bezahlt. «Einige sind jetzt sehr reich», sagt Fricker.

Die fünf Gründer halten dank dualer Aktienstruktur weiterhin 99,2 Prozent der Stimmrechte. Und JP ist ein reicher Mann: Rund 700 Millionen Dollar ist er heute schwer, am Tag des IPO waren es zeitweise über 1,15 Milliarden. CEO Andrew Feldman kommt auf 2,1 Milliarden, CTO Sean Lie auf 1,1 Milliarden. Sie werden zusätzliche riesige Aktienpakete erhalten, sollte das Unternehmen innerhalb von neun Jahren eine durchschnittliche Bewertung von 75, 150 beziehungsweise 250 Milliarden Dollar erreichen. Einen derartigen Fantasievertrag hat Fricker nicht. Darben muss er trotzdem nicht. Jetzt hätte er das Geld für den Porsche, von dem er immer geträumt hat. Nur: Er will ihn gar nicht mehr. Fricker hat mit seinen Söhnen Sportwagen ausprobiert – und ist zum Ergebnis gekommen: «Für Fancy Cars bin ich inzwischen zu alt.» Statt des Hyundai fährt er jetzt eine Familienkutsche: einen Audi Q5.

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