Darum gehts
- Ein Auto raste am 25. Juli 2026 beim Berliner CSD in die Menschenmenge
- Ein Mensch starb, 29 wurden verletzt, der Täter Abdul Ballout wurde erschossen
- Berliner CSD zählt jährlich Hunderttausende Teilnehmende, gilt als grösstes Pride-Event Europas
Was ist passiert?
Am Samstag kam es gegen 22 Uhr am Rande des Christopher Street Day (CSD) im Berliner Tiergarten zu einem Anschlag. Ein weisses Auto – laut «Focus» ein bei einer Privatperson gemieteter Citröen Space Tourer – fuhr im Bereich des Ahornsteigs nahe der Lennéstrasse gezielt in eine dicht gedrängte Menschenmenge. Das Fahrzeug erfasste rund 400 Meter vom abgesicherten Bereich entfernt mehrere Menschen frontal. Nach rund hundert Meter prallte es mit voller Wucht gegen einen Baum. Laut Polizei stieg der Fahrer aus dem Wrack und attackierte mehrere Passanten mit einer Machete. Es gelang ihm in der Dunkelheit die Flucht.
Eine Frau erlag noch am Tatort ihren schweren Verletzungen. 29 weitere Personen wurden teils schwer verletzt, inzwischen schwebt niemand mehr in Lebensgefahr.
Warst du am CSD in Berlin? Melde dich gerne bei uns und schildere das Erlebte.
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Der Anlass wurde umgehend abgebrochen. In einem Video forderte die Polizei die Besucher auf, das Gelände zu verlassen.
Noch offen sind der genaue Ablauf und die Hintergründe der Tat. Dabei sollen Handyaufnahmen nun helfen, wie Innenminister Dobrindt an einer Pressekonferenz am Sonntagnachmittag erklärte. Alleine, wie das Fahrzeug in den Tiergarten rasen konnte, ist aktuell noch unklar. Während der CSD-Veranstaltung waren laut der Polizei mehr als 250 «Zufahrtschutzelemente» rund um den Tiergarten postiert gewesen. «Eigentlich konnte hier gar keiner reinfahren», sagte ein Polizeisprecher zur «Welt».
Wer ist der Täter?
Es handelt sich um Abdul Rahman Toufic Ballout (†21). Er konnte nach einer intensiven Fahndung am Sonntagabend in einer Gartenlaube im Berliner Bezirk Spandau aufgespürt werden – wohl dank eines Hinweises aus seinem persönlichen Umfeld. Laut «Bild»-Zeitung soll Ballout die Einsatzkräfte bei dem Zugriff mit einer Stichwaffe angegriffen haben. Die Polizisten eröffneten daraufhin das Feuer. Gemäss Augenzeugen wurden zwei Mal vier Schüsse abgefeuert. Der 21-Jährige wurde getroffen und erlag seinen Verletzungen um 18.34 Uhr.
Der Mann mit libanesischen Wurzeln wurde in Berlin geboren und soll IS-Anhänger gewesen sein. Er war den Sicherheitsbehörden bekannt – laut «Bild» wegen schwerer Körperverletzung und räuberischer Erpressung. Seine Mutter war 2002 eingebürgert worden. Ballout wird von den Behörden der Berliner islamistischen Szene zugerechnet und war erst im Mai aus dem Jugendarrest entlassen worden.
In der Nacht zum Sonntag noch hatte ein Spezialeinsatzkommando (SEK) der Polizei seine Schöneberger Meldeadresse, 1,2 Kilometer vom Tatort entfernt, durchsucht. Die Wohnung war leer. Die Polizeibehörden hatten die Kollegen in den Nachbarländern Niederlanden, Belgien, Luxemburg, Frankreich, Österreich, der Schweiz, Tschechien, Polen und Dänemark alarmiert.
Unklar ist, ob es einen Mittäter gab. Augenzeugen berichteten, dass sich nach der Tat eine Person aus dem Auto entfernt habe. Am Sonntagmittag berichteten deutsche Medien, dass ein Mann iranischer Herkunft in der Nacht verhaftet wurde. Laut der «Bild» wurde der Mann allerdings am Montagmorgen wieder freigelassen.
Wollte der Terrorist geschnappt werden?
Eine Frage macht den Ermittlern dabei offenbar besonders zu schaffen. Warum hatte Ballout das Tatfahrzeug offenbar auf seinen eigenen Namen gemietet?
Für die Beamten ist dieser Umstand laut der «Bild» bemerkenswert. War der mutmassliche Terrorist schlicht unerfahren und fahrlässig, oder hat er damit gerechnet, geschnappt zu werden? Für Letzteres würde auch sprechen, dass der Terrorist am Tag vor dem Attentat Lebensmittel verschenkte. Eine obdachlose Frau aus Ballouts Quartier erzählt der «Bild», dass der 21-Jährige ihr am Freitag drei Bananen und weiteres Obst schenkte. Womöglich hatte Ballout in dieser Zeit schon mit seinem Leben abgeschlossen.
Hat Deutschland den Terror zurückgeholt?
Wie die «Bild» berichtet, versuchte Ballout 2025, nach Syrien auszureisen, um sich dem IS anzuschliessen. Er wurde jedoch im Libanon gestoppt und als deutscher Staatsbürger nach Berlin abgeschoben.
Wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat verurteilte ihn das Amtsgericht Tiergarten im Mai 2026 zu einem Jahr und zehn Monaten Jugendstrafe. Da er ein Jahr in Untersuchungshaft bereits abgesessen hatte, setzte das Gericht den Rest zur Bewährung aus. Nach Informationen der «Welt» stiess diese Entscheidung in Ermittlerkreisen auf Unverständnis, da die Staatsanwaltschaft fast drei Jahre Haft gefordert hatte.
Die Bewährungsauflagen verpflichteten Ballout laut «Focus» zu 26 Deradikalisierungsterminen – das nächste Gespräch hätte diesen Montag angestanden. Thomas Mücke, der Leiter von «Violence Prevention Network», das mit Ballout die Gespräche führte, sagte auf ARD: «Die Person wirkte in den bisherigen Gesprächen eher als angepasst.» Der Mann sei «nicht fassbar» und «undurchschaubar» gewesen.
Die «Welt» berichtet weiter, dass die Polizei ihn observierte und sein Telefon überwachte. Dennoch blieb er auf freiem Fuss, selbst als vor wenigen Wochen ein Alarmzeichen folgte: Nachdem er im Netz mit einer Waffe posiert hatte, veranlasste die Generalstaatsanwaltschaft eine Razzia. Die vermeintliche Schusswaffe stellte sich bei der Durchsuchung jedoch lediglich als Spielzeug heraus.
Wie reagieren die Politiker?
Bundeskanzler Friedrich Merz (70, CDU) sagte am Tatort: «Wir werden es nicht zulassen, dass das Gift des Terrorismuis gegen unsere Freiheit um sich greift. Darauf können Sie sich verlassen.» Die Tat werde aufgeklärt und mit aller Härte verfolgt. Innenminister Alexander Dobrindt (56, CSU) sprach am Tatort von einem islamistischen Terroranschlag.
Berlins Innensenatorin Iris Spranger (64, SPD) hat wegen des Anschlags ihre Ferien in den Bergen abgebrochen. «Ich bin heute noch in Berlin! Stehe mit den Sicherheitsbehörden im engsten Kontakt», sagt sie gegenüber «Bild». Gegen Abend ist eine Pressekonferenz mit den Sicherheitsbehörden geplant.
Die Deutsche Polizeigewerkschaft DPoIG fordert Konsequenzen. Der Vorsitzende Manuel Ostermann sagt gegenüber der «Bild» über den Islamismus in Deutschland: «Wir dürfen jetzt nicht einfach wieder zur Tagesordnung übergehen, wie das die Politiker bisher nach Anschlägen gemacht haben.»
Steigt die Gefahr von Anschlägen?
Ganz Deutschland ist in Alarmbereitschaft. Wie Innenminister Alexander Dobrindt an einer Pressekonferenz sagte, finden in den kommenden Tagen bundesweit Grossanlässe statt. Überall würden die Sicherheitsvorkehrungen erhöht. Dobrindt: «Es kann nicht ausgeschlossen werde, dass die Tat hier Nachahmer findet.»
Was ist der Christopher Street Day?
Der CSD ist eine weltweite Reihe von Festen, Paraden und Demonstrationen der LGBTQ-Community (Lesben, Schwule, Bisexuelle, transgeschlechtliche und queere Menschen). Die Bewegung erinnert an die historischen Ereignisse Ende Juni 1969 in der New Yorker Christopher Street: Damals wehrten sich queere Menschen in der Bar Stonewall Inn erstmals gewaltsam gegen willkürliche Polizeirazzien, Diskriminierung und staatliche Repression.
Der Berliner CSD zählt mit regelmässig mehreren Hunderttausend Teilnehmenden aus aller Welt zu den grössten und bedeutendsten Pride-Veranstaltungen auf dem europäischen Kontinent.
Wie viele Anschläge gab es in Deutschland schon?
Seit der grossen Einwanderung von 2015 gab es in Deutschland rund zehn schwere Attentate, die islamistisch motiviert waren. Der schlimmste war wohl der Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz am 19. Dezember 2016, bei dem 13 Menschen starben und 70 verletzt wurden.
Beim Täter handelte es sich um Anis Amri (†24) – einen Islamisten, der den Behörden als gewaltbereit bekannt war. Er wurde vier Tage später in Italien bei einer Personenkontrolle erschossen. Dieser Anschlag führte zur Verschärfung von Gesetzen und zu baulichen Sicherheitsmassnahmen an Grossanlässen.